Vorwort
Eine gut ausgebaute Demokratie gilt in der zivilisatorischen Entwicklung als der Raum, in dem Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Fortschritt, Kunst und Kultur und Sicherheit gut gedeihen können. Weltweit bewegen sich die meisten politischen Systeme allerdings in eine entgegengesetzte Richtung. Der Baum der Demokratie ist ähnlich dem gesundheitlichen Zustand unserer Erde stark in Mitleidenschaft gezogen und wird schlimmstenfalls vertrocknen, wenn wir uns nicht um die Demokratie und somit um unser aller Zukunft kümmern. Der Soziologe Oskar Negt sagte, dass die Demokratie die einzige Gesellschaftsordnung ist, die erlernt werden muss – daran schließt sich auch an, dass sie eine gelingende Kommunikation und Praxis braucht. Das demokratische zwischenmenschliche Interagieren will erlebt und gefühlt werden, es ist ein direkter Weg für Verständigung, Toleranz, Respekt und Anerkennung sowie Solidarität. Demokratie ist nicht in Stein gemeißelt und wir sehen den Aufstieg der extremen Rechten und anderer extremistischen Gruppierungen, die die Demokratien direkt angreifen und sie abschaffen wollen, um sie mit autoritären, diktatorischen oder tyrannischen Machtsystemen zu ersetzen. Um die demokratischen Errungenschaften zu schützen, zu verteidigen und zu verbessern, müssen sie verstanden, gelebt und ständig weiterentwickelt werden. Demokratie beruht auf der Willensbildung eines jeden Menschen und ist die alte Forderung nach Mündigkeit und der Fähigkeit sowie des Mutes jedes Menschen sich seines Verstandes zu bedienen.
Worum geht es?
Wir entwickeln ein Angebot für einen Demokratie-Kompass – optisch denkbar wie ein Reisepass, in dem man sein Engagement und seine absolvierten Projekte und Fortbildungen per Stempel oder Vergleichbaren dokumentieren kann. Damit soll mehr Demokratiebildung in der Gesellschaft verankert und demokratische Teilhabe gestärkt werden. Grundlegende Informationen über die Funktionen und Aufgaben einer Demokratie sollen vermittelt werden. Wissen kann aufgefrischt und es soll ein Austausch und Dialog zwischen den Menschen stattfinden. Professionell begleitet wirdl so das politische Bewusstsein für die Demokratie als Staats- und Gesellschaftsform wachsen und ehrenamtliches Engagement entstehen. Dies kann in einer großen Kampagne ausgerollt und verstetigt werden.
Der Demokratie-Kompass könnte wie ein Sammel-Heft funktionieren, das mit Nachweisen demokratischem Engagements, mit Fortbildungen, ehrenamtlichen Leistungen und vielem mehr gefüllt werden könnte. Idealerweise entsteht so über die Jahre ein buntes Heft, das zahlreiche Wegmarken des eigenen zivilgesellschaftlichen Engagements und politischen Werdegangs enthält. Das Ganze kann durchaus spielerische Komponenten besitzen, denn dadurch würden der Sammel-Trieb und die soziale Kommunikation geweckt werden und auch ein neuer gesellschaftlicher Dialog über den Wert der Demokratie entstehen können. So können Engagement, Bildung und auch Integrationsleistung sichtbarer werden und diejenige Erkenntnis würde visualisiert werden, dass man für Erhalt und Gestaltung der Demokratie im eigenen Alltag arbeiten muss. Menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppen werden somit animiert, wieder zu gemeinsamen Bildungsangeboten im Erwachsenenalter zusammenzukommen, wie es sie für viele nach Schul- und Ausbildungszeit und Aussetzung von Zivil- und Wehrdienst nicht mehr gibt.
Es soll zudem auch ein Mehrwert/Benefit für die Partizipierenden entstehen, so sind Zertifizierungen, Vergünstigungen für Kunst & Kultur etc. denkbar. Die Idee taugt unseres Erachtens dazu, mit vielen Bündnis- und Kooperationspartnern eine gemeinsame Plattform für Angebote für den Demokratie-Kompass aufzubauen. Die vielen vorhandenen Bildungseinrichtungen, die vielen bestehenden digitalen Strukturen für gesellschaftspolitische Fort- und Weiterbildung könnten dann auf einer Demokratie-Kompass Seite gespiegelt werden, so dass die Teilnehmer:innen immer wissen wo, was, wann stattfindet.
In unserer heutigen Welt bilden Medien eine wesentliche Grundlage der Demokratie, somit ist es auch von entscheidender Bedeutung Medienbildung zu erfahren. Fehl- und Desinformationen sind einer der Hauptgründe für instabile Gesellschaftsordnungen und untergraben das Vertrauen in demokratische Regierungsführung, in die Politik allgemein und führen zur Reduzierung lang erkämpfter Menschenrechte. Für eine Welt in Frieden, Wohlstand, Gesundheit und Heiterkeit brauchen wir ein starkes Bewusstsein für demokratische Zusammenarbeit und gemeinsame Werte.
Wir wollen Vielfalt feiern und ihr gegenüber offen sein, denn trotz aller Unterschiede gibt es viel mehr Gemeinsamkeiten als wir manchmal denken. Vorurteile und Ausgrenzung (bzw. die unterschiedlichsten Diskriminierungsformen) können alle treffen und fühlen sich nicht gut an. Wir wollen allen Menschen etwas zutrauen, damit die Gesellschaft wachsen kann und Politikverdrossenheit, Angst, Hass und Hetzte und Spaltung umgedreht wird in Mitmach-Begeisterung. Denn im Prinzip wollen wir alle in einer Welt leben, die für alle funktioniert und größtmöglichen Einklang mit dem Leben und Mitmenschen schafft.
Wir würde der Demokratie-Kompass funktionieren?
Demokratie-Kompass soll die Plattform und Sammelstelle für alle Themen und Veranstaltungen werden, die die politischen Bildungsangebote von den verschiedensten Organisationen, Institutionen und Initiativen sammeln. Diese werden dann über die Online-Plattform und/oder einer APP buchbar sein und man kann die Veranstaltung digital und/oder in einem analogen Sammelheft festhalten.
Der Demokratie-Kompass ist ein Dokumentationsnachweis, mit dem man seine individuelle politische Bildungsarbeit dokumentiert. Spielerische (gamifizierte) „Übungsaufgaben“ sollen ausdrücklich Anreiz sein, „Punkte“ für den Demokratie-Kompass zu sammeln. Solch eine Dokumentation des eigenen demokratischen Engagements kann auch gleichzeitig als Bewerbungsvorteil, Zertifikat und als Integrationsnachweis dienen sowie als eine Art Payback-System gedacht werden.
Die Jugendleitercard „Juleica“ könnte als Vorbild dienen, ebenso die „Demokratie erLEBEN“-Workshops der Agentur „Forever Day One“, die u.a. bei der Continental AG durchgeführt werden. Begleitend können Mediator*innen ausgebildet werden (und aus den Demokratie-Pass-Kursen hervorgehen), die später selbst entsprechende Workshops leiten.
Modular gedacht, kann es Kurse geben, die sich an Seminaren an der VHS oder Hochschulen orientieren und sich an Menschen außerschulischen Alters richten, die sich mit grundlegenden Informationen über die Funktionen und Aufgaben einer Demokratie befassen wollen. Absolviert man z.B. einen Kurs mit 10 Sitzungen erhält man einen Stempel. Es kann auch ein bestimmter „Bildungsweg“ zu einem bestimmten Zertifikat z.B. als Demokratie-Botschafter*in verfolgt werden. Ziel ist es auch ehrenamtliches Engagement zu steigern und Multiplikatoren der politischen Bildung zu erzeugen. Kurse sind auch hybrid oder rein online denkbar.
Mögliche Beispiele für Inhalte und Module:
Demokratie verstehen und leben | Medienkompetenz | Menschenrechte – Grundrechte – Bürgerrechte | Umweltverantwortung und Soziale Nachhaltigkeit | Globalisierung und Weltbürger*innentum | Teilhabe und Mitbestimmung | Kommunikation, Konversation, Argumentation | Bürgerbeteiligung und Dialogformate | Aktionen für das Gemeinwohl | Rechtswissen | Soziales Engagement | Erinnerungskultur | Historische Analysen | Aktuelle Debatten | Politisches Engagement | Extremismus Prävention | Allgemeine Beratung | Organisieren, fördern, planen | 17 Ziele Nachhaltiger Entwicklung | Vorurteile & Diskriminierung | Friedensarbeit |
Idee zur Umsetzung
Die Umsetzung könnte als eine Art Kampagne vorstellbar sein, die Werbung für politische Bildung und Beteiligungskultur sowie für die Demokratie insgesamt macht. Idealerweise würde solch eine Kampagne von gemeinsam von vielen bekannten Akteuren (NGOs, Kirchen, Behörden, ggf. Parteien) getragen werden. Vorab sollte es zur Idee verschiedene Veranstaltungen geben und auch ein Bürgerrat könnte das Konzept des Demokratie-Passes ausarbeiten. Dadurch könnte Öffentlichkeit und Beteiligung erzeugt und eine Transparenz in das Themenspektrum gebracht werden, um einen passendes Konzept zu erstellen.
Re-Sozialisierungs und De-Radikalisierungs-Ansatz
Der Demokratie-Kompass kann zusätzlich auch ein Versuch sein, Menschen, die sich von der freiheitlichen-demokratischen Grundordnung entfernen zu solchen Kursen zu bitten oder ggfls. durch eine Auflage (Ordnungsamt/polizeiliche Anordnung/richterlicher Beschluss – ähnlich wie bei Sozialstunden) stärker zu bewegen, so dass bei Ablehnung eine Geldbuße zu leisten wäre. Somit entsteht auch die Aufgabe einen schwer erreichbaren Teil der Bevölkerung von einem demokratischen Bewusstsein und Handeln zu überzeugen. Man kann Wertloyalität zwar nicht erzwingen, doch kann es bei diesem Ansatz auch um Re-Sozialisierung und De-Radikalisierung gehen.
Wichtig ist, dass ein Angebot an den Teil der Gesellschaft geschaffen wird, der gar nicht oder kaum mehr zu erreichen ist. Menschen mit Radikalisierungsdenken können – durch einen professionellen Kurs begleitet – ggfls. in einen Prozess eintreten, der sie am Ende dem Rechtsstaat und der Demokratie wieder näher fühlen lässt. Durch entsprechend professionelle Moderation und Betreuung von Kursleiter*innen ist auch eine weitere Versorgung/Unterstützung oder ein anderes Setting (vlcht. auch therapeutische Angebote) denkbar.
Stellen wir uns ein Beispiel vor, dass es einen richterlichen Beschluss zur Teilnahme an solch einem Kurs zur Erlangung eines ‚Demokratie-Passes‘ für einen Menschen mit Tendenz zur Radikalisierung gibt. Er nimmt dann an einem Kurs in seiner Stadt, mit ca. 10 Sitzungen, a 90 Minuten und mit bis zu zwei Kursleiter*innen (u.a. Ausbildung Pädagogik/soziale Arbeit). Die Themen umfassen das ganze Portfolio politischer Bildung und deren Herausforderungen in unserer Zeit (Referenten und Exkurse dazu möglich). Von den ca. 10-15 Plätzen sind ein bis zwei vorbehalten für tendenziell missmutige Einwohner*innen, die da sein sollen und ggfls. gar nicht wollen. Das Ganze steht und fällt mit einem überzeugenden Konzept und dem professionellen Umgang der Kursleiter*innen. Neben dem Auffrischen von Wissen und Fakten rund um unsere Demokratie, der Diskussion und das Gehört werden soll natürlich der respektvolle Umgang miteinander stehen. Genauso auch das sich Kennenlernen und wissen „Du bist Einwohner*in unserer Stadt, wie ich auch und wir wollen alle gemeinsam gut leben“. Die Menschen sollen begleitet werden und nachhaltig am demokratischen Geschehen teilnehmen und sich mitgenommen und gehört fühlen.
Weitere Themen-Begriffe (Tag-Cloud): Entscheidungsfindung | Hass, Hetze und Gewalt | Extremismus | Emanzipatorische und kritische politische Bildung | …